Der Wettbewerb um Buchhaltungssoftware hat sich in den letzten Jahren drastisch verändert. Gefühlt wöchentlich drängen neue Buchhaltungslösungen auf den Markt. Für 2026 konnten wir rund 47 für Schweizer KMU relevante Lösungen identifizieren – was mehr als einer Verdoppelung gegenüber 2014 entspricht. Und fast täglich erhalten wir als Treuhänder Werbemails von Anbietern neuer Software, KI-Tools und Add-ins. Die neuen Angebote greifen überwiegend konkrete Wünsche von Anwendern auf, besetzen Nischen oder automatisieren einzelne Arbeitsschritte – beispielsweise durch automatische Verbuchungen.
Welche Gründe hinter dieser Tendenz stecken, ob etablierte Anbieter tatsächlich in Gefahr sind und was uns in Zukunft auf dem Schweizer Markt erwartet – genau diesen Fragen gehen wir mit unserem Einblick auf den Grund.
Aktueller Boom bei Buchhaltungssoftware
Um unseren Eindruck zu überprüfen, haben wir eine systematische Erhebung der Softwarelösungen durchgeführt. Unsere Auswahl umfasst Software, die für Schweizer KMU bis rund 100 Mitarbeitende relevant ist.
* Kriterien zur Auswahl der relevanten Buchhaltungsprogramme
Zur Eingrenzung unserer Anbietererhebung haben wir Buchhaltungsprogramme ausgewählt, die für KMU von einer Grösse bis 100 Mitarbeiter in der Schweiz relevant sind. Ausgeschlossen haben wir insbesondere:
- Internationale ERP für grössere Zielkunden (z.B. SAP, Microsoft)
- Internationale Accounting-Programme ohne grosse Schweizer Relevanz (z.B. Xero)
- KMU ERP-Systeme ohne Fokus auf Buchhaltung (z.B. blue office)
- spezialisierte Add-ins (z.B. Kontera)
Während sich in der vergangenen Dekade eine langsame, aber stetige Zunahme an Buchhaltungssoftware zeigt, hat sich das Wachstum in den letzten beiden Jahren deutlich beschleunigt. Für 2026 konnten wir rund 47 für Schweizer KMU relevante Buchhaltungslösungen identifizieren, während noch zwei Jahre früher nur 34 Softwarelösungen mit den gleichen Kriterien vorhanden waren.
Dieser markante Zuwachs ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Wandlungen bei den Schlüsselakteuren sowie technologischen Durchbrüchen.
KI senkt die Eintrittsbarrieren
Seit etwa 2025 kommt ein weiterer Faktor hinzu: Künstliche Intelligenz senkt die Kosten der Softwareentwicklung drastisch. In Branchenkreisen spricht man von einer Zeitersparnis von 30 bis 80% beim Einsatz von KI in der Softwareentwicklung. Programmieren selbst wird zunehmend weniger zum Engpass. Dadurch können neue Anbieter schneller entstehen oder bestehende Programme um zusätzliche Funktionen und Add-ins erweitert werden. Gleichzeitig machen sinkende Entwicklungskosten auch kleinere Zielgruppen und Nischen wirtschaftlich interessanter.
Wie schnell diese Entwicklung voranschreitet, zeigt sich auch im Buchhaltungs- und Treuhandbereich. In einem Beitrag in der Zürcher Wirtschaft habe ich bereits auf den zunehmenden Dschungel an Tools und KI-Lösungen hingewiesen: Zum Artikel «KI ersetzt Aufgaben, nicht Rollen»
Die Position des Marktführers gerät unter Druck
Der Schweizer Markt für Buchhaltungssoftware war lange Zeit von wenigen etablierten Anbietern geprägt. Einen wichtigen Wendepunkt markierten 2013-2015 der Aufstieg von bexio (ursprünglich als easySys bekannt), die Buchhaltung und Administration konsequent in die Cloud brachte.
Der Erfolg von bexio blieb nicht ohne Folgen. Zunächst reagierten die etablierten Anbieter nur zögerlich. Viele ihrer Lösungen waren technisch über Jahre gewachsen; erst nach und nach wurden Cloud-Versionen ergänzt, einzelne Schwächen behoben und KI-Funktionen integriert.
Mit der zunehmenden Verbreitung von bexio wurden allerdings auch dessen Grenzen sichtbarer. Anwender kritisieren unter anderem Bugs, Verzögerungen bei neuen Funktionen, den Kundensupport, vereinzelte Systeminstabilitäten sowie Einschränkungen bei der individuellen Anpassbarkeit. Gleichzeitig führten Preiserhöhungen bei einzelnen Zusatzangeboten teilweise zu Unzufriedenheit bei Kunden.
Gerade diese Kombination aus der dominanten Marktstellung von bexio, wahrgenommenen Unzulänglichkeiten und den drastisch gesunkenen Kosten der Softwareentwicklung schuf Raum für neue Wettbewerber.
Konkurrenzkampf lässt Marketingkosten steigen
Sinkende Entwicklungskosten und zunehmender Wettbewerb sind für Anwender grundsätzlich positiv. Gleichzeitig erwächst daraus eine neue Herausforderung: Die Zahl der Softwarelösungen wächst deutlich schneller als der Pool potenzieller Kunden. Dies verschärft den Wettbewerb um die Kundengewinnung erheblich.
Durch die stark gestiegene Zahl an Softwareanwendungen bei einem gleichzeitig stabilen Kundenpool bleibt den Anbietern kaum etwas anderes übrig, als ihre Vertriebs- und Marketingaktivitäten deutlich zu intensivieren.
Besonders deutlich zeigt sich dies bei den Klickpreisen von Google Ads. Im Zeitraum von 2020 bis 2025 sind die CPCs (Cost-per-Click) für stark transaktionsorientierte B2B-Suchbegriffe wie „Buchhaltungssoftware KMU“, „ERP-Software Schweiz“ oder „Treuhand Software“ kontinuierlich nach oben geklettert. Historische CPCs zu vergleichen ist schwierig, da hinter den Google Ads Klickpreisen ein Auktionssystem steht, das sich laufend ändert. Jedoch gibt es Studien für den DACH-Raum, die diesen Effekt ungefähr abschätzen.
Die Klickpreise für B2B-Suchbegriffe rund um Buchhaltungssoftware liegen mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnitt des klassischen Accounting- und Steuerbereichs, während die Klickpreise für Buchhaltungsdienstleistungen nochmals deutlich tiefer liegen. Die hohen Klickpreise dürften dabei nicht nur die Wettbewerbsintensität widerspiegeln. Auch die Struktur des Softwaregeschäfts mit tiefen variablen Kosten und möglichen Netzwerkeffekten schafft einen starken Anreiz, möglichst schnell eine grosse Kundenbasis aufzubauen.
In der DACH-Region liegen die für eine Top-Platzierung erforderlichen CPCs für Suchbegriffe wie «Buchhaltungssoftware» und «Buchhaltungsprogramm» mittlerweile bei rund EUR 14–17.
Die Klickpreise sind enorm hoch, wenn man bedenkt, dass es sich bei den rund EUR 15 nur um den Preis für einen Klick aus der Google-Suche handelt und noch nicht um einen Lead, geschweige denn um einen neuen Kunden. Angesichts dieser Kosten gewinnen alternative Kanäle zur Kundengewinnung an Bedeutung. Mit zunehmender Auswahl an Software steigt damit nicht nur der Aufwand für die Anbieter, sondern auch der Orientierungsbedarf auf Kundenseite. Softwarevergleiche können hier eine doppelte Funktion erfüllen: Sie helfen Unternehmen und Treuhändern bei der Auswahl und bieten Softwareanbietern gleichzeitig einen zusätzlichen Kanal, um potenzielle Kunden in der Entscheidungsphase zu erreichen.
Gute Softwareideen sind alleine kein Erfolgsgarant
Bestehende Anbieter versuchen sich natürlich vor den Herausforderern zu schützen, beispielsweise indem sie ein Ökosystem rund um ihre Software aufbauen, wie technische Anbindungen oder ein etabliertes Treuhändernetzwerk. Da die Buchhaltung von KMU häufig an Treuhänder ausgelagert wird, hängt der Erfolg einer Software-Lösung nicht zuletzt davon ab, ob der Anwender der Software einen passenden Treuhänder findet, der mit der jeweiligen Software vertraut ist.
Solche Netzwerkeffekte verstärken bestehende Marktpositionen zusätzlich. Neue Anbieter stehen bei ihrer Entwicklung vor einem klassischen Henne-Ei-Problem:
Ohne eine grosse Verbreitung der Software sind Treuhänder und andere Multiplikatoren schwer zu gewinnen – ohne diese Multiplikatoren ist es wiederum schwierig, eine grosse Zahl neuer Kunden zu erreichen.
Ein gutes Beispiel dafür ist bexio, das in den vergangenen Jahren einen umfangreichen Marketplace mit Add-ins und Integrationen aufgebaut hat. Dadurch können externe Entwickler zusätzliche Funktionen bereitstellen, während bexio selbst von einem grösseren Ökosystem und einer stärkeren Kundenbindung profitiert.
Trotz bestehender Kritik bleibt die Marktposition von bexio daher aussergewöhnlich stark. Banana, Abacus und Sage bleiben mit grossem Abstand die beliebtesten Anbieter unter Schweizer Treuhändern, wie aus der obigen Grafik ersichtlich ist.
Auch aus unserer täglichen Praxis kennen wir dieses Problem: Kunden bitten uns häufig um Unterstützung bei ihrer Software. Für neue Anbieter entsteht damit ein zusätzliches Problem: Auch ein Treuhänder, der grundsätzlich offen für eine neue Software wäre, muss zunächst Zeit und Ressourcen investieren, um seine Mitarbeiter auf das neue System zu schulen. Die Software konkurriert damit nicht nur um Kunden, sondern auch um die knappe Arbeitszeit der Treuhänder.
Fazit
Der Fortschritt der KI verändert die Wettbewerbsbedingungen für Buchhaltungssoftware grundlegend. Eine technisch gute Lösung zu entwickeln, wird zunehmend einfacher – und damit auch für neue Anbieter zugänglicher. Gleichzeitig bleibt der Markt auf einen relativ stabilen Kundenpool begrenzt.
Damit verschiebt sich der Wettbewerb: Nicht mehr die Entwicklung der Software allein entscheidet über den Erfolg, sondern die Fähigkeit, Kunden zu gewinnen und langfristig zu binden. Gerade etablierte Anbieter profitieren dabei von ihrem Netzwerk aus Treuhändern, Schnittstellen und Partnern. Für neue Anbieter wird es deshalb entscheidend sein, nicht nur eine gute Software zu entwickeln, sondern einen überzeugenden Weg zu finden, sich in diesem bestehenden Ökosystem zu etablieren.
KI demokratisiert damit die Softwareentwicklung – aber nicht den Zugang zum Markt.
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